Seit langem hat der Moment gefehlt, um zu beschreiben, was ich sehe und erlebe. Zum dritten Mal bin ich nun in Haiti seit dem goudou goudou, dem großen Erdbeben am 12. Januar diesen Jahres. Es ist Samstag Nachmittag und wunderbar still. Saxophon-Musik klingt ins Zimmer hinein, mit einem kühlen Sommerwind. Es ist ein Augenblick, der Nachdenken und in Worte fassen zulässt.
Ich habe viel gelernt in den vergangenen Wochen. Gelernt wie es ist in einem Team zu arbeiten mit absolut unterschiedlichen Denkweisen, mit gegensätzlichen Vorstellungen und doch dem selben Ziel. Das Programm ist wunderbar, und der Name „Zanj Limyè –Engel des Lichts“ klingt kitschig und etwas pathetisch, bis man es gesehen hat: das Leuchten in den Augen von Kindern, inmitten von Chaos, Zerstörung und Verlorensein. Bis man Claudia und Lucardo hört, zwei junge Erwachsene, die im Heim aufgewachsen sind, im Erdbeben -wie so viele- alles verloren haben und sagen, dass es die Arbeit mit den Kindern ist, die sie am Leben erhält und die trüben Gedanken verscheucht. Sicher, es gibt all die kleinen Dinge, die nicht ideal sind. Aber mit welcher Willenskraft, Energie und ohne eine Sekunde ans Aufgeben zu denken mittlerweile über 100 Jugendliche und junge Erwachsene Tag für Tag in Hitze und Staub Freude schaffen und Kindern erlauben, Kinder zu sein: davon lerne ich fürs Leben.
Beim ersten Besuch wusste ich, ich muss zurück kommen um zu begreifen, was passiert. Es war eine Woche, die an mir vorbeiflog. Inmitten von medizinischen Freiwilligen aus aller Welt, ein Babylon aus Sprachen, Kulturen und Ansichten. Auf den Gängen, auf dem Dach, im Garten –zu jeder Tages- und Nacht-Zeit Wache und Schlafende.
Beim zweiten Mal hatte ich mir mehr Zeit genommen und war für drei Wochen hier. Es wurden lange Wochen, und am Ende war ich in einem Kreislauf aus Müdigkeit und Frustration gefangen. Wenig war so wie ich es gemacht hätte. Oft war ich abends in einem der Zimmer im Krankenhaus mit über 10 Kindern, die allesamt von ihren Eltern zurückgelassen worden waren. Sie auf dem Arm zu halten, zu singen und spielen und ein klitzekleines Lächeln geschenkt zu bekommen, war das, was dann die Leere gefüllt hat.
Die Rückkehr nach Nicaragua war ein tiefes Einatmen und zur Ruhe kommen. Vier Wochen war ich in meinem kleinen Paradies. Habe im Garten gearbeitet, ein kleines Planschbecken für die heißen Tage gekauft, Freunde besucht und die Ruhe und Gelassenheit geliebt. Im Büro gesessen, gearbeitet und Haiti ein bisschen abgeschüttelt. Haiti hat tiefe Wunden. Diese Wunden jeden Tag zu sehen, zu spüren und nicht zu wissen, wann und ob sie heilen werden, hat in meiner Wahrnehmung Nicaragua zu einem kraftstrotzenden und gesunden Land werden lassen. Über Ostern waren wir auf Ometepe und am Meer gefahren. Sind mit dem Kanu einen kleinen Fluss auf der Insel entlang gepaddelt und haben Kaimane und Vögel bewundert. Sind am Strand gelegen und haben dem Klang der Wellen gelauscht. Ruhe. Frieden. Nach all der heissen und staubigen Luft Haitis tief durchatmen zu können.
Am Anfang dieser Woche bin ich wieder nach Haiti zurück gekommen. Und ich war bereit dazu. Ich bin bereit, die Schönheit neben all dem Elend wieder zu sehen. Bereit wieder neue Menschen kennenzulernen. Das zähe Nicht-Aufgeben der Haitianer zu spüren und zu bewundern. Und vor allem auch bereit zu erkennen, dass es sehr verschiedene Wege gibt, um ein Ziel zu erreichen.
Dienstag früh bin ich in Port-au-Prince gelandet. Der Flughafen funktioniert wieder, wenn auch tiefe Risse und Furchen durch die Wände gehen. Western Union hat eine Gruppe aus Musikern engagiert, die zur Begrüssung aller Fluggästen von American Airlines spielen. Gedanken schießen durch den Kopf: Paradox. Ironie. Absurd. Das Orchester auf der Titanik spielt, während das Boot untergeht. Wie all dem Elend, all der Zerstörung zum Trotz. Entgegen dem, was jeder von Haiti in diesen Tagen erwartet. Und am Ende kämpft sich eine Mischung aus Glücklich sein und Schmunzeln durch, über die wunderbaren, melancholischen aber warmen Klänge und darüber, am Flughafen in Port-au-Prince von Western Union begrüßt zu werden wie in einem High Class Beach Resort Hotel. Und sie zaubert ein Lächeln auf die ersten „Wir fliegen nach HAITI –Gesichter“ der Passagiere.
Vergangene Woche hat die Schule offiziell wieder angefangen. Von den ca. 1.500 Kindern im Zanj Limyè Programm fehlt leider fast keines. Wo keine Schule mehr ist, wo Schulen zu Notunterkünften geworden sind, wo Lehrer verletzt, verschüttet, aufs Land geflüchtet sind, hat es nicht viel Bedeutung, ob das Bildungsministerium offiziell erklärt, der Schulunterricht habe wieder begonnen.
Ab und zu bringen Hitze und Staub diesen einen, verbotenen Gedanken auf: wenn es doch nur mal regnen würde. Und im selben Moment schlägt man sich in Gedanken die Hand vor dem Mund und versucht das Gedachte zurück zu nehmen. Regen bedeutet provisorische Unterschlüpfe aus Laken und Plastikplanen, die im Schlamm versinken. Regen bedeutet, dass Flussbetten sich mit Wasser füllen. Flussbetten, in denen tausende Menschen in Zeltstädten überleben. Regen bedeutet, dass kleine Hütten aus Stecken und Pappe die Hänge herunterrutschen, dass sich Krankheiten und Seuchen ausbreiten. Regen bedeutet, dass viele von denen, die das Erdbeben überlebt haben, nun vor einer neuen Gefahr stehen.
Am Mittwoch war die Beerdigung einer unserer Köchinnen. Sie war 28. Auch sie ist im Kinderheim aufgewachsen und ich wusste nicht viel von der kleinen, schüchternen und stillen jungen Frau. Vor zwei Wochen ist sie Samstags ins Krankenhaus gekommen. Am Vortag war sie noch da, und hat gearbeitet. Sonntag war sie tot. Zu Sterben nachdem man das Erdbeben überlebt hat, scheint besonders ungerecht. Auf dem Sarg stand ein wunderschönes Bild von ihr, in Hochzeitskleid mit einem so frohen Lachen. Sie war nicht nur die stille kleine Köchin. Sie war eine glückliche junge Ehefrau, mit zwei Brüdern und ihrer eigenen kleinen Familie. Der Tod lässt keine Ruhe, natürlich nicht. Und doch hatte ich aus irgendeinem Grund nach dem Erdbeben eine Schonzeit erwartet. Ein komischer Gedanke.


