Ein neues Jahr. Begrüsst habe ich es in Köln. Im Schnee, Wunderkerzenglitzerregen in der Hand, Feuerwerk bestaunen, zitternd auf dem Balkon stehen. Eine Woche später zurück in der tropischen Hitze. Zurück im Büro, langsam und träge hat das Jahr wieder begonnen. Und dann rüttelt das Erdbeben in Haiti alle aus dem Schlaf. Tagelanges Bangen um verschüttete Freiwillige, dann die Gewissheit, dass Molly mit dem wunderschönen roten Haar und ihrer bezaubernden Leichtigkeit, die so Haiti-untypisch war, nicht mehr lebend geborgen werden konnte. Unstetes Warten, die permanent präsente Frage: Was kann ich tun? Unerträgliches Nichtstunkönnen. Bis diesen Montag beinahe erlösend der Anruf kommt: wir brauchen dich, so schnell wie möglich.
Morgen mittag steige ich ins Flugzeug, hin und hergerissen aus Erleichterung, endlich etwas tun zu können, und Nervosität, ob ich dem was mich erwartet gewachsen sein werde. Froh zu wissen, dass sehr gute Freundinnen auch dort sein werden, um sich in schweren Momenten gegenseitig stützen zu können. Von Managua über San José geht´s zunächst bis Santo Domingo, Dominikanische Republik. Dann weiter mit dem Axel Springer Helikopter (ein Spende der Bildzeitung) nach Port-au-Prince. Im Rucksack Not-Nahrungsmittel, Taschenlampe, Baumwollschlafsack und Fragen, Sorgen sowie den eisernen Willen, alles zu tun was in meiner Macht steht, und mitanzupacken, um den Alptraum zumindest für einige Kinder zu beenden. Meine Aufgabe soll sein, ein breitflächig angelegtes Programm zu leiten, das verlassenen Kindern Essen, Wasser, Kleidung und medizinische Nothilfe anbietet. Ihnen einen sicheren Platz bietet, um den Tag dort zu verbringen. Und hilft, Familien wiederzufinden, die Waisen in Heimen unterzubringen, und bei denjenigen, die schon in Adoptivverfahren steckten, wieder den Kontakt mit den Adoptivvermittlern herzustellen.
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