Und schon wieder sind beinahe zwei Monate vorbeigerast, seit dem Umzug, dem Strand in Majagual, der Guatemala-Reise. In diesen zwei Monaten war ich in Haiti, Mexico und augenblicklich in Honduras. Unser Haus ist grün geworden. Der Hund größer. Und Weihnachten in Deutschland schon zu Greifen nahe!
Haiti: war einmal mehr ein herzliches Wiedersehen mit wunderbaren Menschen und das schmerzliche Wiedersehen mit dem allgegenwärtigen Tod. Ein Jahr zuvor hatte ich den Totensonntag in Mexico verbracht. Mit bunten Totenköpfen aus Zuckerguss, Blumen-Altären, ein Fest der Freude über den Glauben an das ewige Leben –auch nach dem Tod. Dieses Jahr begann der Totensonntag mit der Segnung der Gräber, die das Kinderkrankenhaus unserer Organisation auf einem städtischen Friedhof anmietet. Der Friedhof liegt am Rande des für extreme Armut und Gewalt bekannten Slums Cité Solei, woher viele der Patienten des Krankenhauses kommen. Er ist eine Mischung aus Katakomben, Familiengräbern. Bunt bemalter oder roher Beton. Im Zentrum ein großes schwarzes Kreuz, für “Baron Samedi“, den stärksten aller Vodoo-Geister. Rum, Kaffee und Brot werden als Opfergaben dargebracht, Kerzen auf dem Kreuz entzündet. Der Totensonntag ist Baron Samedi gewidment. Wird die Miete nicht bezahlt, werden die Gräber nach wenigen Monaten wieder geleert. Die Überreste werden an der Friedhofsmauer aufgeschichtet und angezündet. Man stolpert wortwörtlich über Knochen und Schädel. Offene Grabnischen –noch nicht oder nur unvollständig geleert überall. Einige Haitianer haben ein bisschen Opfer-Rum selbst getrunken und schauen sich belustigt unsere Gruppe an. Sie bringen Schädel, um zu testen, wie das ungläubigen Ausländern wie mir gefällt.
Danach zur Leichenhalle des staatlichen Krankenhauses. Dort das bereits bekannte und doch aufs neue schockierende Bild der Leichenberge, übereinander geworfen, nur noch totes Fleisch, der Verwesung ausgesetzt. Die Totensegnung als ein Aufschrei dagegen, als ein deutliches „ihr seid Menschen, ihr habt Würde verdient, über den Tod hinaus. Als Christen für euch zu beten, bedeutet, euch eure Menschlichkeit wiederzugeben.“
Die Totenmesse am Nachmittag gab das Gleichgewicht zurück, den inneren Frieden. Außerhalb der Stadt, in den Hügeln, mit Blick aufs Meer liegt der organisationseigene Friedhof. Jede Woche werden anonyme verstorbene aus der Leichenhalle dort begraben, unzählige weiße Holzkreuze stehen für tausende Menschen. Gemeinsam mit den „Missionarinnen der Nächstenliebe“, Mutter Theresas Orden, feierten wir die Messe und schmückten die Gräber mit Blumen. Behutsam festgesteckte Blüten an einem kleinen, weißen Holzkreuz, auf einer grünen Wiese mit dem Meer in Sicht –nach einem Leben in Cité Soleil, einem Tod im städtischen Krankenhaus und nach der Leichenhalle ein kleines bisschen Würde, Achtung und Mensch sein.
Mexico: das Wiedersehen mit einer wunderbaren Arbeitskollegin und Freundin in Mexico, die Hochzeit einer weiteren Arbeitskollegin (der Pfarrer in Jeans und Wanderstiefeln unter der Albe. Eine weitere Woche, die im Flug vorbeizog.
Und nun Honduras, kurz und knapp.
Zu Hause, in San Jorge hat das neue Haus einen grasgrünen Anstrich bekommen –die Farbwahl für Hauswände unterliegt hier definitiv anderen ästhetischen Gesichtspunkten als im cremefarbenen Deutschland. Eine überdachte Terrasse mit Hängematte und Grill haben unsere Lebensqualität im höchsten Maße gesteigert und die Wochenende gemütlicher gemacht! Und: ich versuche mich an Topfpflanzen, Ronald am Rasen pflanzen (ja, der wird hier nicht gesäht, sondern mit Ablegern gepflanzt). Nicaraguanische Spießigkeit ist wohl die beste Medizin gegen atemlose Hin-und Her-Reiserei, Haitianische Friedhöfe und die honduranische und mexikanische Nachtkühle. Ja und dann, die bunt blinkenden Lichterketten kündigen es schon an: ist Weihnachten nicht mehr weit. Und damit der lang ersehnte, das Herz zu Luftsprüngen verleitende Heimflug nach Deutschland!
Die letzte Woche war Marias Woche –zumindest in Nicaragua: die unbefleckte Empfängnis der Purísima, der Reinen, der Jungfrau Maria Mutter Gottes ist DAS Ereignis des Kirchenjahres. Die gesamte Woche vor dem 8.12. finden im ganzen Land Prozessionen und Gottesdienste statt. In San Jorge wurde jeden Abend ein kunstvoll geschmückter Wagen mit der Marienstatue durchs Dorf gefahren, es wurde gesungen, die Blaskapelle spielte, Böller und Feuerwerk wurde geschossen. Auf dem Platz vor der Dorfkirche versammelten sich jeden Abend hunderte von Menschen, um die Wägen kritisch zu beäugen oder zu bewundern. Kurz vor dem Einmarsch in die Kirche sprangen junge Männer mit „Stierköpfen“ aus Latten, mit Feuerwerkskörper bestückt, durch die Menge.
Wer es sich leisten kann, hat im eigenen Haus einen Altar aufgebaut und lädt Nachbarn und Freunde ein, die Jungfrau zu besingen. Als Dank gibt es kleine Geschenke, Zuckerrohr, Orangen und Bananen, Chicha (ein Maisgetränk) und Süssigkeiten. Die eigentliche Gritería (gritar= schreien, laut rufen) ist aber am 7.12 abends: alle ziehen von Haus zu Haus, jeder auffindbare Marienaltar wird gesungen und bejubelt und mit Böllern „beknallt“. Kinder nehmen direkt Säcke mit, um all die Früchte und Süßigkeiten, Spielsachen und anderen Geschenke einzusammeln. Leider habe ich den 7. Im Bus nach Honduras verbracht. Der mehrere Stunden Verspätung hatte, weil er an der Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua festsaß. Der Grund: endlose Schlangen an den Ein-und Ausreiseschaltern mit tausenden nicaraguanischen Gastarbeitern, die noch auf die letzte Minute versuchten zur Gritería nach Hause zu kommen.



bunt blinkende lichterketten haben wir auch… sind super zum advent-feiern in den tropen