Veränderungen.
So ist das Leben in Nicaragua. Da redet man wochenlang über etwas und nichts passiert. Und dann, von heute auf morgen, wird gehandelt. Ich bin umgezogen. Nicht von heute auf morgen, aber innerhalb von zwei Wochen. Und lebe seit gestern mit Sack und Pack in einem kleinen, rosa Haus in einem Zwischenstadium von Rohbau und bezugsfertig. Ja, die Wände sind erst grundiert und noch nicht gestrichen. Ja, im Schlafzimmer und in der Küche sind zwar Gitter vor den Fenstern, die Fenster an sich fehlen aber noch. Ja, die Küche wird erst in dieser Woche gefließt und im Badezimmer fehlen auch noch ein paar Fließen an den Wänden. Ja, das Bad im Gästezimmer ist noch im Rohbau. Aber es ist ein eigenes kleines Haus, ich kann kochen und essen auf was ich Lust habe, mir zum Frühstück meinen Espresso kochen, die Mittagspause zu Hause verbringen (5 min Fussweg vom Büro). Heute abend gibt´s Langusten-Schmaus mit Freunden und am Samstag die Einweihungs-Grillparty. Wunderbar.
Andere Neuigkeiten der vergangenen Woche(n): wir waren am Sonntag im Zirkus. Auch wenn es hier am frühen Abend unterm Zirkuszelt beinahe unerträglich heiß ist, waren wir begeistert. Die Kinder haben Luftballons und Pommes erbettelt und bekommen, wir haben Tiger, Elefanten, Zebras und Zwergponys, Dromedare und Trapezkünstler mit offenem Mund bestaunt. Zuckerwatte in quietschrosa. Ein Traum.
Veränderungen Teil 2
Der Zirkus ist nun seit Wochen schon weiter in den Süden gezogen. Die Langusten verspeist. Fenster in meinem Haus eingebaut und die Küche gefliest. Und ich ziehe ebenfalls weiter. Allerdings nur quer über die Strasse, ein paar Häuser weiter. Denn da ist´s schöner und günstiger. Und sonst? Haben wir einen Hundewelpen seit eineinhalb Wochen. Mit allen Freuden und Leiden. Noch ist sie klein und erfüllt das Kindchenschema. Wie sie als große Hündin wird, wird sich zeigen. Ich war in Guatemala diesen Monat, nach langer Zeit mal wieder. Wir sind dieses Mal mit dem Auto gefahren, mit Arbeitskollegen aus dem Kinderheim in Nicaragua im Minibus. Was auf der Karte gar nicht so lange aussieht, dauert 16 Stunden. Auf dem Hinweg saßen wir leider einige Stunden vor der geschlossenen Grenze zu Honduras, denn Botschaftsexil/Weggeputscht-Präsident Zelaya hatte sich gerade erst ins Land geschmuggelt und die Straßenschlachten in Tegucigalpa wurden immer wilder. Nach 4 Stunden dann Weiterfahrt. Leider alle zwei Kilometer Polizeikontrolle. Ausweise raussuchen, einstecken, raussuchen, einstecken. Mit der Zeit hatten wir eine Routine entwickelt.
Guatemala: abgesehen vom Kinderheim einmal mehr Antigua und der Atlitlán-See. Beides wie beim letzen Mal etwas regnerisch aber malerisch-schön. Leider aber nur kurz, denn Mittwoch sind wir angekommen, Montag Nacht wieder losgefahren. Auf dem Rückweg kurzer Adrenalinstoss in Guatemala City, nachts um halb vier. Verfahren in der Stadt, auf einmal in runtergekommenem Viertel mit menschenleeren Straßen, im Hinterkopf die stetigen Warnungen: passt bloß auf nicht in die „Zone 1“ zu kommen, das ist Gang-Gebiet. Dazu all die Zeitungsartikel über Mara-Morde (die Maras sind die Straßengangs in El Salvador, Guatemala und Honduras)… Panisches NEIN, als der Fahrer in eine Sackgasse abbiegen wollte. Und erleichtertes Aufatmen, als wir endlich wieder auf einer breiten, beleuchteten Hauptstrasse landeten. Zwar sollte es noch länger dauern, bis wir wieder auf dem rechten Pfad zur Grenze nach El Salvador landeten. Aber wir haben uns fortan strickt geweigert, von den breiten Boulevards abzubiegen.
Zurück an der Grenze nach Nicaragua: das, was ich als pestilenz-artigen Gestank bezeichnen würde: die Ladung eines Fischlasters war an der für Tage gesperrten Grenze verdorben. Der Laster und Ladung zwar nicht mehr zu sehen, aber offensichtlich hatte man noch auf dem Grenzgebiet den Laster ausgewaschen. Atemberaubend.
Letzte Woche hatte ich gemeinsam mit einer Kollegin aus dem deutschen Spendenbüro einen Workshop organisiert, zu dem aus allen Heimen die „lokalen Fundraiser und Public Relations-Leute angereist kamen“, also diejenigen, die im Land des Kinderheimes selbst versuchen, an Spenden zu kommen. Auch wenn ich Freitag Nachmittag völlig übernächtigt einen langen Mittagschlaf zur Erholung brauchte, war es eine schöne Woche, mit einer unglaublich motivierten, engangierten, interessierten und amüsanten Truppe. Eine Freundin und Arbeitskollegin aus Mexiko blieb noch bis Sonntag und wir waren Samstag das erste Mal seit vielen Jahren wieder am Strand Majagual, einer wunderschönen Bucht mit weissem Sandstrand, ein bisschen Nördlich von San Juan del Sur. Leider war der Weg dorthin komplett verbaut mit Wochenend/Ferienvillen, aber da es verboten ist, direkt am Strand zu bauen, haben wir einfach auf´s Meer geschaut und dann war es so schön wie damals.
Kommenden Montag steige ich wieder in den Flieger nach Haiti, danach nach Mexiko. Perú oder Honduras stehen für dieses Jahr auch noch an. Und dann ins eiskalte Deutschland. Höre ab und zu „in deinem Land schneit es“, und kann es mir so gar nicht vorstellen!
Schwitzige Grüße aus dem schwül-warmen Regenzeit-Nicaragua mit abendlichem Regentrommeln auf dem Wellblechdach!


