August 2009. Beinahe vier Monate lebe ich nun in Nicaragua, ein Drittel Jahr. Gestern waren wir gemeinsam mit der Familie von zwei Arbeitskollegen im neusten der Shopping-Zentren Managuas, im Kino. Ein Teil Nicaraguas, der so dem Rest des Landes nur so wenig gleicht. Es trägt nicht nur den selben Namen wie dasjenige, in dem ich noch vor einer Woche in Mexiko war, sondern gleicht ihm auch sonst sehr. Internationale Marken, zu „internationalen“ Preisen. Riesige Kinosäle, mit der neusten 3-D Technik, Popcorn, Schokolade und Softdrinks, Aircondition inklusive. Meine persönliche Erklärung dafür, dass die Kinosäle nicht mehr ganz so frostig sind wie noch vor 5 Jahren: die Wirtschaftskrise zwingt selbst in der Welt der Reichen und Schönen zum Stromsparen. Auch in Mexiko werden nach 8 Uhr abends die Rolltreppen ausgeschaltet. Heute hatte ich das Vergnügen einen 8jährigen beim zweiten Frühstück um halb elf zu bestaunen: ein halbes Hähnchen und Pommes. Ertränkt in Ketchup, selbstverständlich. Es stand völlig außer Frage, dass Willy 4 Stunden später zwei riesige Eiskugeln in dem selben kleinen Magen unterbringen konnte. Entweder hat er einen Bandwurm, Parasiten oder einfach nur eine unglaubliche Verbrennung! Es war ein fauler Sonntag, mit Mensch ärgere dich nicht-Spiel, Vorlesen und Spiderman gucken. Morgen geht die Woche wieder los, und da nutze ich den ruhigen Abend, um diesen Blog endlich einmal wieder auf Vordermann zu bringen.
Wie erwähnt, bin ich vor einer Woche aus Mexiko zurückgekommen, wo ich einer Woche auf eine Konferenz war und daneben die Zeit genutzt habe, meine Arbeitskollegin und Freundin aus Mexiko, Daniela, zu besuchen. Wir haben köstliche Tacos in einem „Restaurant“ mit drei Tischen in einer Garage gegessen und Sushi in oben genannten Shopping-Zentrum. Ebenfalls köstlich. Und beides ein Grund für mich, nun zwei bis drei Mal die Woche im Baseballstadion in Rivas nach Feierabend meine Runden zu drehen. Ich habe die Basilika in Mexiko City besucht und bin auf einem Rollband (bekannt aus Flughäfen) an dem Bildnis der Heiligen Jungfrau von Guadaloupe vorbeigeglitten. Der Grund für das Rollband im Boden vor ihrem Bildnis ist einfach: tausende Mexikaner wollen sie täglich sehen. Damit jeder kurz ihr Antlitz erhaschen kann und nicht zu lange vor ihr verharrt, schieben drei Rollbänder die Massen an ihr vorbei. Das war eine von zwei sehr bildhaften Demonstrationen, wie man pragmatisch in einer absolut überbevölkerten Stadt verhindert, dass Stehenbleiber und Gucker den Menschenfluss aufhalten. Beispiel Nr. 2 war der Besuch einer Dinosaurierausstellung am selben Tag. Im Zentrum von Mexiko City waren große Zelthallen aufgebaut, und alle eingeladen, umsonst einen Einblick in die Entwicklung des Lebens zu Prähistorischen Zeiten zu gewinnen. Von Dinosaurier-Skelettnachbildungen zu lebenden „Fossilien“, einem Emu und einem Krokodil, und zum Abschluss der Saal über Artenzertörung durch Umweltverschmutzung: die Ausstellungsmacher hatten sich Mühe gegeben eine massentaugliche Ausstellung aufzubauen. Um Staus zu verhindern, waren hier alle 5 Meter Menschen mit Megaphonen aufgebaut, die ohne Unterlass lautstark zum Weitergehen aufforderten. Besondere Durchsetzungsschwierigkeiten hatten sie im dritten Saal, wo nachgebaute Dinosaurier (den Modellen aus Jurassic-Park sehr ähnlich) die Köpfe hoben und senkten, die Augen rollten und ab und zu düster grollten.
Da lobe ich mir doch mein Dorfleben hier in San Jorge. Jeder kennt jeden, die Weiße mit dem weißen Pick-Up bin ich. Es passiert nicht viel und bei einem Blick in die Zeitungen bin ich froh darum. Gestern haben es sich in Managua erneut jugendliche Frente-Sandinista-Anhänger zur Aufgabe gemacht, regierungskritische Demonstraten mit Steinhagel und Stockschlägen zu vertreiben. Die Polizei ist sehr zögerlich, einzugreifen. Auch als einer der Demonstrationsteilnehmer am Boden lag und eine Gruppe Sandinisten auf ihn einprügelte war die Ansage „nicht einmischen“. Von Freunden aus Entwicklungshilfekreisen hört man immer öfter von direkten (verbalen) Angriffen gegen sie als „weiße Imperialisten“, die Forderung, internationalen Organisationen sollen das Geld geben und aufhören sich in Projektumsetzung einzumischen, gehört zu den Standard-Schallplatten Ortegas. Die Stimmung wird geschürt, das Feindbild ist klar. Neben imperialistischen Entwicklungshelfern sind es Mittel- und Oberschicht, die Bourgoisie. Mir fallen spontan zwei Menschen ein, die dieser bourgoisen Mittelschicht angehören: Grethel, über deren Auswanderungspläne ich in meinem letzten Eintrag berichtet habe, und ein anderer Nica in ihrem Alter, der mir meine Autoversicherung verkauft hat. Tagsüber arbeitet er in einer Bank und verkauft Versicherungen, nachts in seiner Bar, gemeinsam mit seiner Frau. Wo genau der Anlass liegt, diese beiden für ihre Stellen (die sie beide nach Jahren an einer Universität –mit Studiengebühren und ohne BAFöG) zu kritisieren, ist mir schleierhaft.
Am 19. Juli, zum 30. Jahrestag der Revolution, waren wir –mal wieder- auf dem Weg ins Kino nach Managua. Die Panamerikana war gesäumt von Rot-Schwarzen Flaggen schwenkenden Menschen. Und immer wieder überholten wir Karavanen aus Bussen und LKWs, voll nicht nur bis unter´s Dach sondern auch voll auf dem Dach (ein Blick auf meine Fotos verrät genauer, wie das aussah), rot-schwarz auch hier die Fahnen, pink die T-Shirts. Erstaunt sah ich die Massen nach Managua reisen, um Ortega zuzujubeln. Ich habe einige Menschen seither gefragt, wie die ständig wachsende Kritik in der Bevölkerung an der Regierung damit zusammenpasse. Drei Gründe sind es wohl: 1. die Revolution ist die Revolution. Und nach wie vor sind viele Nicaraguaner Sandinisten (nur eben gegen die aktuelle Politik der sandinistischen Partei), und Sandino ist und bleibt ein Nationalheld (der leider von der aktuellen Regierung für Propaganda benutzt wird). Und deswegen lassen sie am Jahrestag der Revolution, auf die sie stolz sind, fünfe gerade sein und feiern, egal ob sie Ortegas Politik gut finden oder nicht. 2. Massenevents ziehen Massen an. Wenn alle gehen, dann gehe ich auch. Wohin genau, das spielt da keine zu große Rolle. Und gemeinsam mit tausend anderen Fahnen zu schwenken und Lieder zu singen und der Revolution zu gedenken, dazu viel Bier zu trinken und zu tanzen, ist immer besser, als nachher nicht dabei gewesen zu sein. 3. Habe ich leider viel zu oft den Kommentar: „die mussten doch hinfahren, um ihren Job nicht zu verlieren“ gehört. Die Partei kontrolliert sehr genau, wer Flaggen hisst und wer nicht. Wer sich öffentlich zum Sandinismus bekennt, wer am 19. Juli nach Managua fährt, und wer nicht. Und es ist die Partei, die Jobs in allen staatlichen Einrichtungen (inkl. Schulen) vergibt, die über die subventionierten Bohnen verfügt, über die Aufnahme in Sozialprogramme, über Stipendien fürs Berufsausbildungsinstitut…
Wie gesagt, ich war am 19. Juli im Kino. Harry Potter. Und ich habe Ortegas Ankündigung, die Wiederwahl per Verfassungsänderung möglich zu machen, erst am nächsten Tag in der Zeitung gelesen. Sie hat mich nicht überrrascht –aber auch nicht dazu beigetragen, das ungute Gefühl zu vermindern, dass ein Interesse an nicaraguanischer Politik in diesen Wochen hervorruft.
Dorfleben und Großstadt-Shopping Malls
10. August 2009 von dortje


